Nanotechnik soll Tote zum Leben erwecken12. Teil der Serie: Eine Technik zwischen unrealistischen Visionen und möglichem Fortschritt - Nano-U-Boote bleiben Science-Fiction München -
Bereits vor rund 30 Jahren wurde der Begriff "Nanotechnologie" geprägt, doch erst seit wenigen Jahren ist sie ein brandheißes Forschungsgebiet. Physiker, Computertechnologen, Biotechnologen und Mediziner tasten sich hier gemeinsam vor und versuchen Herrschaft über die Nanowelt zu gewinnen, deren Maßeinheit - der Nanometer - einem Millionstel Millimeter entspricht. Zum Vergleich: Der Durchmesser eines menschlichen Haares beträgt rund 50 000 Nanometer.
Die Nanotechnologie soll etwa neue Materialien mit verbesserten Eigenschaften und molekulare Maschinen ermöglichen - technischer Fortschritt auf kleinstem Raum. Dabei gibt es bizarre Vorstellungen über die Möglichkeiten dieser Technologie. Die einen prophezeien eine bessere Welt, in der es dank nanotechnologischer Methoden keinen Hunger und keine Krankheiten mehr geben wird. Die anderen fürchten den nahenden Untergang der Menschheit durch außer Kontrolle geratene Nanoroboter.
Eric Drexler, Chef des amerikanischen Foresight-Institutes ist überaus optimistisch. Das aufregendste Ziel der nanotechnologischen Forschung sei die molekulare Reparatur des menschlichen Körpers. So könnten etwa Nanoroboter Viren und Krebszellen zerstören, beschädigte Strukturen reparieren, gefährliche Plaques aus dem Gehirn entfernen und dem Körper wieder jugendliche Gesundheit bescheren.
Ganz so weit geht Wolfgang Heckl, Nanowissenschaftler der Universität München und Sprecher des Kompetenzzentrums Nanoanalytik nicht. "Durch die Nanowissenschaften werden wir natürlich ein besseres Verständnis über Krankheiten und mögliche, noch nicht erahnte Behandlungsmöglichkeiten bekommen. Viel Positives wird daraus erwachsen. Dass man aber Voraussagen trifft, in einigen Jahrzehnten Aids oder Krebs auszulöschen, ist meiner Ansicht nach zu hoch gegriffen", so Heckl.
Die Medizin wird mit Sicherheit von der nanotechnologischen Forschung profitieren. Dass aber in Zukunft ein U-Boot à la "Die Reise ins Ich" durch unsere Adern tuckern wird, bleibt für Heckl Science-Fiction. Denn das für die Funktionen eines solchen Nano-U-Bootes notwendigen Antriebe, Chips, Kameras und Antennen könnten auf der nanometrischen Skala nicht untergebracht werden. "Man kann nicht platt alles von groß nach klein kopieren. Der Mensch hat zur Verwirklichung seines Traums vom Fliegen auf verschiedenste Art und Weise die Vögel imitiert - und scheiterte. Erst das Flugzeug, das auf völlig andere Weise funktioniert wie ein Vogel, war die Lösung. So müssen wir auch in der Nanotechnologie nach intelligenteren Lösungen suchen", so Heckl.
Drexler hingegen hält es für durchaus denkbar, klinisch tote Menschen mit Hilfe der Nanotechnologie wieder zum Leben zu erwecken. Doch zunächst erwartet er große Veränderungen im gesamten Bereich der technischen Produktion. Leichtere, robustere und preiswertere Materialien würden den Markt revolutionieren. In den Produktionsanlagen der Zukunft würden einzelne Atome wie in einem Legobaukasten kombiniert und Materialien oder sogar ganze Maschinen Atom für Atom gebaut werden können.
Nach Meinung von Heckl wird in derartigen Zukunftsprognosen weit über das Ziel hinausgeschossen. Zwar sei es heute zum Teil auch schon möglich, einzelne Atome oder Moleküle zu positionieren, dennoch gäbe es dabei große technische Probleme. "Wir sind noch weit davon entfernt, Materialien oder Maschinen aus einzelnen Atomen zusammen und im industriellen Maßstab einzusetzen", so der Münchner Nanowissenschaftler.
Drexler glaubt, dass wir in einigen Jahrzehnten in der Lage sein werden, Objekte mit molekularer Präzision zu konstruieren. Die neuen Herstellungsverfahren würden auch die Umwelt entlasten, da keine schädlichen Nebenprodukte entstünden. Mit Hilfe der neuen extrem leichten Werkstoffe sollen ernorme Energieeinsparungen im Transport- und Verkehrssektor verbunden sein. Davon könne auch die Raumfahrt profitieren. Dann könne möglicherweise der alte Traum der Erweiterung der Biosphäre über unseren blauen Planeten hinaus Wirklichkeit werden, meint Drexler.
Der US-Computerexperte Bill Joy dagegen sieht in der Nanotechnologie eine der größten Gefährdungen unserer Zukunft. Er befürchtet, dass für bestimmte Zwecke programmierte, sich vermehrende Nanoroboter außer Kontrolle geraten, zerstörerische Eigenschaften entwickeln und der Menschheit gefährlich werden könnten. Er fordert daher einen Forschungsstopp im Bereich der Nanotechnologie. Die Fachwelt ist indes der Meinung, dass solche Befürchtungen Science-Fiction bleiben werden. Heckl: "Derartige Horrorszenarien sind maßlos übertrieben."
Ein Verbot der Nanoforschung wird es denn wohl auch nicht geben. Dennoch muss über die möglichen Gefahren der Nanotechnologie nachgedacht werden. Dem Fortschritt entsprechend sollte immer wieder neu entschieden werden, ob die derzeitige Forschungsrichtung Gefahren für die Gesellschaft birgt. "Es muss ein Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft stattfinden, um Lösungen und Einschränkungen an richtiger Stelle zu finden. Horrorszenarien von Science-Fiction-Romanen sollten hingegen nicht die Basis ernsthafter politischer Entscheidungen sein", argumentiert der Münchner Nanowissenschaftler.
Heckl ist sich sicher, dass wir noch Großartiges von der Nanoforschung erwarten dürfen: "In vielen Disziplinen wird sie zu einer neuen Denkweise beitragen, die uns auf neue Fährten bringen wird. Wie genau diese aussehen und was wir daraus machen, das kann noch niemand sagen. Man kann die Zukunft nicht voraussehen - man muss sie machen. Und das nach bestem Wissen und Gewissen."
ENDE DER SERIE
Artikel erschienen am 2. Apr 2003 |
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